Was haben New York und Los Angeles, was Berlin nicht hat?
Es gibt sie: die Metropolen. New York gehört dazu, und natürlich Los Angeles. Aber was ist mit Berlin?
So gern der Begriff "Metropole" von den politisch Verantwortlichen an der Spree zur Charakterisierung
ihrer Stadt bemüht wird, so wenig deutlich ist bei ihrer Aussage der Inhalt, den sie beschreiben wollen.
Schließlich geht es bei der Auszeichnung mit dem Titel "Metropole" nicht nur um viele Theater,
Museen oder rund um die Uhr geöffnete Kneipen, sondern vor allen Dingen um ein prägnantes Architekturbild,
das Weltstadtatmosphäre erzeugt.
So zumindest versteht es das Berliner Architektenbüro "Grollmitz-Zappe-Architekten", das sich eingehend mit der
städtebaulichen Raffinesse einer Metropole beschäftigt hat. Vor renommiertem Publikum an dem
"European Study Center St` Anthony`s College" in Oxford hat es einen architektonischen Vergleich
zwischen New York, Los Angeles und Berlin gezogen.
Für die Berliner Architekten zeigt gerade die Millionenstadt am Hudson River,
daß "Glanz und Mythos einer Metropole auf ganz einfachen Voraussetzungen beruhen".
New Yorks Herzstück Manhattan besitzt bis auf die diagonale Ausrichtung des Broadway
ein regelmäßiges Stadtmuster aus Blöcken und Straßen und darin den Central Park als
große Grünfläche. Das Faszinierende an dieser Stadt wird für die Architekten in ihrer
Silhouette sichtbar. Die natürliche Wassergrenze um Manhattan verschafft diesem einzigartigen
Stadtprofil die nötige Geltung, denn von der gegenüberliegenden Küste betrachtet,
wirkt das Zentrum geradezu entrückt.
Gerade diese Skyline hat New York architektonisch so unverwechselbar gemacht.
Die Architekten dokumentieren in ihrem Vortrag, daß der Ursprung auf phantastischen
Entwürfen basiert, die für den metropolitanen Jahrmarkt auf der Vergnügungsinsel
"Coney Island" erdacht, letztendlich eine visionäre Baukultur auf Manhattan ermöglicht haben.
Für die Menschen in der ganzen Welt verkörpert New York die vertikale Ausrichtung einer Stadt schlechthin.
Geradezu kompromißlos ist dort eine Zentrumsstadt verwirklicht worden,
die den Maximen aufragender Räume und steiler Schluchten folgt.
Nach Ansicht der Berliner Architekten basiert hingegen der städtebauliche Mythos von
Los Angeles auf entgegengesetzten Phänomenen: "In Los Angeles ist die Horizontale beherrschend,
die weite flache Landschaft, die unendliche Ausdehnung."
Räume werden wirkungslos. Das Bild einer Stadt, das sich in New York so fest umreißen läßt,
verschwimmt in Los Angeles. Und dieser unpräzise architektonische Koloß wächst.
"Los Angeles dehnt sich Tag für Tag weiter aus und entreißt der Wüste neue Flecken Erde."
In das Vakuum eines klaren architektonischen Bildes stoßen die Fiktionen Hollywoods.
Dort regieren die Mythen, dort herrscht das Phantastische, das in der städtebaulichen
Gestalt der Metropole selbst nicht sichtbar wird. In Hollywood wird der amerikanische Traum
in unendlicher Vielfalt gestrickt und schließlich in die ganze Welt gesendet. Zu diesem Traum
gehören aus schöpferischer Sicht einfache Dimensionen: Haus, Garten und am liebsten, wie
"die Architektur" nicht ohne Ironie hervorhebt,
"die amerikanische Landschaft" davor. Wie konsequent die Menschen versuchen, diese Sehnsucht
tatsächlich zu leben, zeigt die potenzierte Gestaltung dieses räumlichen Traums im Stadtbild
von Los Angeles. Fast überall Haus und Grün. Was hier so spießig und kleinlich wirkt,
erfährt dagegen im malerischen Werk von Edward Hopper eine grandiose Aufwertung.
Landschaft und private Architektur werden bei Hopper zu dem Leitbild einer ganzen Gesellschaft
stilisiert. Sicher ist die Frage berechtigt, die die Berliner Architekten dem Oxforder Auditorium stellen:
"Ist Los Angeles die Gartenstadt des 21. Jahrhunderts ?"
Und dann Berlin. War New York der Prototyp eines Zentrums und Los Angeles der einer Peripherie,
so helfen nach Auffassung von "Grollmitz-Zappe-Architekten" diese eindeutigen Zuordnungen bei der Charakterisierung
Berlins nicht weiter. Die Geschichte brachte der Stadt ein stetiges Hin und Her,
das die Rest-Architektur aus vergangenen Jahrhunderten anschaulich dokumentiert.
"Berlins altes Zentrum war vor dem Fall der Mauer Peripherie und soll nach dem Fall
der Mauer plötzlich wieder Zentrum werden. Eindeutigkeit gibt es im heutigen Stadtbild Berlins
nur an wenigen Stellen."
Womit wir mitten im Dilemma wären. Und der Konflikt läßt sich weiter konkretisieren:
"Berlin hatte nie einen räumlich definierten Mittelpunkt. Berlin besitzt allenfalls ein Zentrum
mit ständig im Laufe der Geschichte verschobenen Schwerpunkten."
Das Zentrum Berlins zeigt sich den Architekten nach der Maueröffnung als ein
"geschundener Stadtkörper aus Resten vergangener Zeiten".
Trotz dieser städtebaulichen Zerrissenheit waren direkt nach Mauerfall Hoffnungen und
Begehrlichkeiten geweckt: politische wie wirtschaftliche, und vor allem spekulative.
Der Potsdamer Platz, einstiger Verkehrsknotenpunkt und zu Mauerzeiten Brachgelände bekam
diese neue Euphorie und Überhitzung am deutlichsten zu spüren.
Was heute dort noch als "größte Baustelle Europas" gefeiert wird, läßt bereits erahnen,
was die Zukunft bringen wird. "Es entsteht ein Stadtkörper, dessen Anzug zu klein geraten ist",
sieht das Architektenteam nach den bereits angelegten und fertiggestellten Bauabschnitten voraus.
Das spekulative Element wirkt zu offensichtlich:
"Man spürt, daß dieses Quartier jede Fläche bis ins letzte ausnutzen wird."
Dabei bleibt das Schöpferische, Genuine auf der Strecke.
Eine virtuose Architektur hatte nach Ansicht von "Grollmitz-Zappe-Architekten" schon deshalb kaum eine Chance,
weil es vor dem Wettbewerb kein Forum gab, das sich dem Phantastischen als eine Art Gestaltungsidee widmete.
Eine Stadt wie New York hat jedoch erst durch Projektierung des Skurrilen und Bizarren letztendlich ihren
unverwechselbaren Metropolencharakter erhalten. In Berlin bleibt dafür keine Zeit.
Es gibt jedoch wichtige Orte in der Bundeshauptstadt, an denen das architektonische Spiel noch offen ist:
Der Schloßplatz gehört dazu. Dort wartet eine der wesentlichen architektonischen Herausforderungen für Berlin.
Die Politik hat dieses Areal in die Realisierung ihrer Hauptstadtpläne nicht miteinbezogen.
Sie orientiert sich weiter
westwärts an dem alten Reichstag und neuen Bundestag.
"Grollmitz-Zappe-Architekten" betrachtet die Gestaltung des Schloßplatzes als Chance,
bisherige Fehler zu umgehen. Dort, wo gegenüberliegend einer der schönsten Berliner Baukörper,
das "Alte Museum" von Karl Friedrich Schinkel, das einzigartige Gebäudeensemble der Museumsinsel
beschließt, und die Öffentlichkeit einen Disput über Abriß des Palastes der Republik
und Aufbau des Alten Schlosses führt, sollte ein ästhetisch wie inhaltlich würdevolles Bauwerk errichtet werden.
"Nicht etwas Schloß - ähnliches", schwebt den Architekten vor, "sondern ein selbstbewußtes
Gebäudeensemble, eine Haltung zur Stadt aus unserer Zeit."
Sie führen ein Beispiel des Architekten Benedict Tonon an, der ein Gedankengebäude
gleich einem "Zauberspiel der Buchstaben" entworfen hat.
Aus solchen Phantasien wächst originäre Architektur.
Wir erinnern uns an das Beispiel von Coney Island.
"Die Architekten" schlägen als Nutzung für ein derart genuines Bauwerk auf dem Schloßplatz ein
"Zentrum der Kulturen Osteuropas" vor. "Die Wege in den Gebäuden sollen uns wie in einem
rätselhaften Labyrinth zu unbekannten Schätzen aus unbekannten Kulturen führen."
Ein kühner Vorschlag, der nicht als Affront gegen westliche Politik verstanden werden will.
Er soll als Anregung dienen, über eine Stadtplanung in Berlin nachzudenken,
die die neuen Hauptstadtfunktionen wesentlich dem alten Westteil überlassen hat.
Zum anderen haben die Verantwortlichen die Aufbruchsphase, wie sie Berlin erlebt,
zu wenig als Chance für ein phantastisches Architekturforum begriffen.
Eine Metropole, da ist sich das Berliner Architektenbüro einig, hätte diese einmalige
Gelegenheit für visionäre Planspiele genutzt.
Text Dr.Manuela Zappe als Zusammenfassung des Vortrages
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